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| Japan
und der Tango |
| (von Daniel
Canuti) |
Daniel Canuti (info@abrazosbooks.com) Überzetzung:
Regina Huber
(Veröffentlich in Boletin del Tango Zeitschrift Nr.
30 – Berlin, Februar2003.)
|
" . . . außerdem zeigt sich
die Schönheit in den Dingen, die gut gemacht werden. Wenn
du gut spielst, so ist es wahrscheinlich, dass sich die Schönheit
ergibt. Also muss man definieren, was das bedeutet: gut spielen.
Hackentricks machen sicherlich kein gutes Spiel her. Auf jeden
Fall heißt es, schön zu spielen. Fußball zu spielen
lernt man u. a. dadurch, dass man ihn liebt. Wie der Typ, der
Tango spielen will, und Salgán befindet sich einen Häuserblock
von seiner Wohnung entfernt, und er geht nicht hin...“
César Luis Menotti, Argentinier,
Fußball-Trainer |
Wie alles begann...
Es wird wenig über das Schicksal des Tangos von damals und
heute in den von Westeuropa fernen Ländern geschrieben.
1980 feierten die Japaner 100 Jahre Tango. Damals waren die Zweifel
bereits bereinigt, denn sie wussten inzwischen, dass der Tango
nicht aus Frankreich kam, sondern aus Argentinien. Tango, eine
Art des Ausdrucks im Tanz, in der Musik und in der Literatur,
damals wie heute in Argentinien beheimatet, wenn man ihn schon
geographisch oder kulturell mit einem Ort in Verbindung bringen
will. Heutzutage wird Tango praktisch auf der ganzen Welt konsumiert.
1920 reiste Tsunami Megata, ein japanischer Baron, nach Paris;
1926 kehrte er nach Japan als guter Tangotänzer zurück
und brachte Platten mit, die die argentinischen Orchester von
Bianco-Bachicha Deambroggio und Manuel Pizarro (ein Orchester,
das ihn in seinen Bann gezogen und ihn für immer an den Tango
gebunden hatte) in Frankreich aufgenommen hatten. In seinem Heimatland
Japan gab er der japanischen Aristokratie kostenlosen Vals-, Foxtrott-
und Tangounterricht. Anfangs beklagten sich seine Schüler,
weil sie die verschiedenen Versionen nicht unterscheiden konnten;
sie behaupteten, alle Tangos klängen gleich und es handle
sich um einen schwierigen Tanz.
"- Und doch hast du noch nicht tanzen gelernt?
- Kann man denn das so schnell bloß in ein paar Tagen?
- Natürlich. Fox kannst du in einer Stunde lernen, Boston
in zwei. Tango geht länger, aber den brauchst du gar nicht.
- Aber jetzt muß ich endlich deinen Namen wissen!"
Herman Hesse in Steppenwolf (1927) |
Nach kurzer Zeit sollte nur noch das Interesse für den Argentinischen
Tango bestehen bleiben, wie wir später sehen werden. Der
Baron erklärte seinen entmutigten Schülern damals, dass
wir, wenn wir zwei Stücke von D’Arienzo tanzen, sehr
wohl die Unterschiede zwischen ihnen wahrnehmen. – Er sagte
das natürlich als jemand, der den Tango schon seit einiger
Zeit liebte und respektierte. Wenn er von Paris sprach, so fällt
besonders seine Bemerkung auf, dass die Tanzflächen dort
klein wären, ideal zum Tangotanzen (wörtlich). Schon
bald waren die Aufnahmen für seinen Unterricht in Tokio unzureichend,
und sie in Buenos Aires zu bestellen war damals (ähnlich
wie heute) ein endloses bürokratisches Unterfangen. Ende
der 30er-Jahre besuchte er die Firma Víctor Filial Japón,
erklärte ihnen das Problem und kurze Zeit später importierte
die Firma die Matrizen, mit denen die ersten Tangoplatten in Japan
aufgenommen werden sollten (vom Orquesta Típica Víctor).
Der Absatz von 300 Platten war für damalige Verhältnisse
hoch; man schrieb das Jahr 1932.
Aber nicht hoch genug für ein rentables Geschäft, so
dass er die Sache selbst in die Hand nehmen musste: Trotz erheblicher
Schwierigkeiten begann er, die neuesten Aufnahmen Monat für
Monat aus Argentinien zu importieren.
Megata war der Lehrer derer, die später in den verschiedenen
Städten Japans Unterricht geben sollten, und er erzählt
gerne die folgende Anekdote: Während der Besetzung gab er
einem amerikanischen Soldaten Tanzunterricht. Megata sagt, es
habe sich um einen eigenartigen Typ gehandelt und es sei sowieso
ein Wunder, dass ein Nordamerikaner den Tango möge; nach
dem Krieg kehrte der Ex-Soldat nach Japan zurück, um seinen
Unterricht dort fortzusetzen und mehr Platten zu kaufen, denn
es gefiel ihm nicht, wie man den Tango in den U.S.A. interpretierte.
Schließlich eröffnete dieser Tangoliebhaber seine eigene
Tangoschule in seiner Heimat.
Während sich die ersten Orquestas típicas in Japan
zusammenfanden (das erste im Jahre 1930), lieh ihnen einer der
Schüler von Megata, Junzaburo Mori, seine Platten, damit
sie sie anhören und ihre Interpretation des Tangos verbessern
konnten, bis – so Megata – der Moment kam, auf den
diejenigen, die den Tango ernsthaft studierten und popularisierten,
gewartet hatten: Es wurde eine Stiftung gegründet, deren
Ziel es war, den Argentinischen Tango in all seinen Ausdrucksformen
zu verbreiten. 1936 gab es bereits um die 5 Tango-Ensembles und
drei komplett japanische Orquestas típicas, und der Bandoneonspieler
eines dieser Orchester hatte in Buenos Aires studiert und interpretierte
nicht nur Tango, sondern sang die Refrains auf Spanisch und spielte
mit dem Akkordeon Stücke der argentinischen Folklore.
Wenn Megata der Pionier des Tangos in Japan war, so war Mori sein
leidenschaftlichster Förderer. 1930 schrieb er „Tango“,
das erste Buch des japanischen Autors über dieses Thema,
und 1933 veröffentlichte er eine Methodologie des Tangotanzes.
Seine ersten Versuche, die Musik und den Tanz zu verbreiten, waren
nicht sehr erfolgreich; große Verwirrung war an der Tagesordnung.
Er selbst erzählte, dass man oft den Satz hörte: „
... es gibt keinen besseren Tango als den englischen...“,
und dass, als dem Tango in England das Schild „Standardtanz“
aufgedrückt wurde, die Meinung vertreten wurde, dass der
Tango „auf die englische Art“ zu tanzen sei, denn
„auf die argentinische Art“ entspreche nicht dem Standard.
Im Laufe der Zeit aber wurden die feinen Unterschiede immer deutlicher.
Er sagt: „... meine Begeisterung, eine so exquisite Musik
zu fördern, war nie in Gefahr...“ und fährt fort:
„... heute – 1936 – ist das Wort Argentinien
in aller Munde, sogar ein Mädchen vom Lande aus bescheidenen
Verhältnissen kennt es...“; „... es freut mich,
bestätigt zu sehen, dass der gute Musikgeschmack des japanischen
Volkes sehr ausgeprägt ist, ebenso wie in den höchst
zivilisierten Ländern der Erde.“ Dies ist ein höchst
sympathischer Kommentar, wenn wir uns ins Gedächtnis rufen,
dass damals der gesamte Cono Sur (südlicher Kegel Südamerikas)
vom Westen als eine unzivilisierte Region betrachtet wurde. –
Und trotzdem war es dort, wo diese Musik und diese Ausdrucksweise
ihre Wurzeln hatten.
Jener Satz über den englischen Tango hinterließ möglicherweise
einen bleibenden Eindruck bei Mori, denn 1936 schreibt er in seinem
Artikel für die Zeitschrift „Disque“: „...
Zu meiner großen Freude festigt die Tatsache, dass der Tango
hier so populär ist, meine Überzeugung, dass die Anglosachsen
die wahre Essenz der argentinischen Musik nicht zu verstehen vermögen,
während wir hier alle ihr eigenen Elemente verstehen.“
Mori erinnert uns in demselben Artikel daran, dass sein Lehrer
Megata einmal eine Platte auflegte und mit einer Dame einen Tango
zu tanzen begann, die sich in der Villa des Barons befand und
jener Moment für ihn „. .. der Höhepunkt einer
wunderbaren Offenbarung“ war, und dass „‚La
Cumparsita’ an jenem Tag gehört zu haben, etwas ist,
was ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen werde...“.
Gegen Ende des Artikels behauptet Mori: „... Es ist wohlbekannt,
dass Gott uns nie die vollkommene Befriedigung zugesteht. Heute
noch werden Platten mit Musik unter einem gefälschten argentinischen
Namen produziert und verkauft, die dieser Bezeichung nicht würdig
ist.“
Es ist bemerkenswert, dass Mori jeden Monat in der o. g. Zeitschrift
über Tango schrieb; seine Kolumne hieß „La voz
de Buenos Aires“. Er starb 1978.
Wie wir gerade sahen, waren die 30er-Jahre sehr fruchtbar für
den Tango in Japan. Es werden komplette Alben mit Argentinischem
Tango produziert (Filialen von Casa Víctor und Columbia
in Japan); Telefunken nimmt das Orchester von Eduardo Bianco auf.
Die Stimmen von Rosita Quiroga und Olinda Bozán werden
sogar noch mehr bewundert als die männlichen Stimmen. 1932
feiert Tokio die Premiere von „Luces de Buenos Aires“
mit Carlos Gardel (erster Musikfilm auf Spanisch in Japan), und
1941 werden die ebenfalls argentinischen Streifen „La vida
es un tango“ von Hugo del Carril und Sabina Olmos sowie
„Puerta cerrada“ von Libertad Lamarque vorgestellt,
kurz nachdem sie in Argentinien uraufgeführt wurden. Bereits
1938 werden die Scheiben von Alberto Gómez und von Gardel
verkauft, während sich der Tango „Felicia“ unter
den Verkaufsschlagern in Japan befindet. Anfang der 40er-Jahre
wird die „Sociedad de Estudios Iberoamericanos“ gegründet,
die die Geschichte des Tangos studiert und gleichzeitig eine Peña
de Tango ist.
Es gibt auch weiterhin neue Veröffentlichungen der argentinischen
Musik, einschließlich verschiedener Arten von Folklore.
Schwierige, aber unentbehrliche Namen
Glücklicherweise zählte der Tango in Japan auf Persönlichkeiten,
die ihn ernsthaft verbreiteten, und das Bemerkenswerte daran ist,
dass dies so früh geschah. Eine dieser Persönlichkeiten
war Tadao Takahashi, Musiker, Poet und Tangoliebhaber. Schon 1935
organisierte er in Tokio ein Konzert mit argentinischer und hawaiianischer
Musik; es wurden 14 Tangos, zwei Valses und eine Milonga gespielt.
Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, um welche Titel
es sich handelte, wenn ich Ihnen sage, dass sich unter den Autoren
und Komponisten u. a. Canaro, Ivo Pelay, Discépolo, Lomuto,
Homero Manzi, Sebastián Piana, Bianco, Donato, Greco befanden.
Er war auch verantwortlich für die Promotion von Carlos Gardel
Anfang der 30er-Jahre. Er war Redakteur und Kommentator der o.g.
Alben, denen er den übersetzten Text der Tangos und die Abbildungen
von Junzaburo Mori beifügte, welche erklärten, wie man
jeden der Tangos zu tanzen hatte. 1938 schrieb er das Drehbuch
für das Musical „Southern Cross“ mit Rumbas,
Congas und Tangos gesungen von Noriko Awaya, Sänger, der
bereits 1935 u. a. die Tangos „La canción de Buenos
Aires“, „Yira Yira“ und “Caminito”
auf Spanisch aufnahm. Er komponierte Tangos, von denen das Orquesta
Típica Víctor de Japón einige aufnahm (nicht
zu verwechseln mit dem Orquesta Típica Víctor).
Er organisierte und präsentierte viele Konzerte. 1971 machte
er die musikalischen Arrangements für und dirigierte das
Orquesta Típica Kenwood, bestehend aus 28 Musikern, für
die Aufnahme einer Platte mit dem Titel „Obelisco“.
Außerdem war er Autor eines Buches, das hier nicht zu den
üblicherweise in der Presse behandelten Werken zählt,
das aber den japanischen Musikwissenschaftlern zufolge eine unerläßliche
Literatur für die Einführung in die lateinamerikanische
Musik darstellt. Er erzählte einmal, dass ihn die Version
von „Adiós Pampa mía“ von Troilo mit
den Stimmen von Marino und Floreal Ruiz zum Weinen gebracht hätte.
1938 komponierte Bonavena den Vals „Tokio“ zu seinen
Ehren. Er starb 1981.
Ein weiterer berühmter Japaner, Masahiko Takayama, der Philosophie
und Humanistik studierte und als Jornalist arbeitete, produzierte
im Dezember 1951 im Rahmen des Radioprogramms „La hora de
la música latinoamericana“ (23 Jahre ohne Unterbrechung
gesendet) die Sondersendung „La hora de la música
porteña“. Später war er verantwortlich für
die Sendungen „La hora del tango argentino“, „El
álbum del tango“ und „Este es el tango“.
1953 gründete er die „Asociación Amigos de la
Música Porteña“. 1955 schrieb er „Antología
del tango“ und 1959 „Ensayo sobre tango“; in
diesen Büchern erzählt er Anekdoten und Biographien,
beschreibt, wie eine Tangos entstanden, und präsentiert zahlreiche
übersetzte Texte. Er starb 1977.
Minoru Matoba, ein Japaner, der in Argentinien lebte, wo er eine
japanische Firma vertrat und später die japanische Regierung,
gestand, dass ihn die Stimme Gardels in den 30er-Jahren für
immer in ihren Bann zog. Von da an förderte er den Tango
und die lateinamerikanische Musik allgemein, soviel er konnte.
Als Freund von Canaro, Discépolo , De Caro und Lomuto war
er Abgeordneter der SADAIC (Sociedad Argentina de Autores, Intérpretes
y Compositores) in Japan und förderte den musikalischen Austausch
mit Japan. (Die argentinischen Versionen wurden in Japan vertrieben,
und die japanischen in Argentinien.) Während der 30er-Jahre
leitete er ein Radioprogramm der japanischen Station NHK, das
der argentinischen Musik gewidmet war.
Etwas später im vergangenen Jahrhundert, gegen Ende des Zweiten
Weltkriegs im Jahre 1945, konsumierten die Japaner argentinische
und auch andere ausländische Musik; Troilo, Di Sarli und
Pugliese verzeichneten 1946 einen Rekordabsatz. Japan experimentierte
nicht mit dem Tango als reine Modeerscheinung (die sich schließlich
auch langfristig durchsetzen hätte können), sondern
seit 1946 bis in die 80er-Jahre wurden immer neue Tanguerías
in ganz Japan eröffnet. Sie hießen Canaro, La Candelaria,
El Llorón, El Patio, Chiqué, Tanguera, Caminito,
Felicia.
1950 wurde in Tokio die Premiere des Films "Historia del
Tango" mit Virginia Luque und Canaro gefeiert, und Wochen
später "El cantor del pueblo“ mit Roberto Quiroga.
1951 wurden das Orquesta Típica San Telmo und das Orquesta
Típica Porteña gegründet (das 1966 auch eine
Argentinien- und Südamerika-Tournee antrat), und es gab bereits
das Típica Ciro, das Típica Candombe und das Quinteto
Típico Tokio. Im selben Jahr reiste ein weiteres Orchester,
geleitet von Masao Koga, nach Argentinien, und gab drei Tangokonzerte
in einem vollen Saal eines Theaters der Avenida Corrientes. Koga
erzählte in einer Reportage aus dem Jahr 1951, dass die Japaner
fast alle populären Tangos Argentiniens sangen.
1953 gründete Yoshihiro Oiwa die Asociación de la
Música Porteña, die 1984 circa 500 Mitglieder zählte;
in fast 30 Jahren hatte er 389 Konzerte mit Plattenmusik organisiert.
Er gab auch eine vierteljährliche, sehr gut dokumentierte
Zeitschrift heraus. 1965 schrieb er zusammen mit zwei weiteren
Autoren das Buch "Introducción al Tango", und
1974 gründete er in Japan La Casa del Tango, eine Institution,
die mehrere tausend Tango-Schallackplatten besitzt und wo auch
eine Peña veranstaltet wurde.
In der Liste folgen Yoyi Kanematz – der laut Luis Alposta
mehr als jeder andere in Japan über Tango weiß. Am
5. Mai 1952 gründete er die Zeitschrift „La Música
Iberoamericana“, mit einer für die damalige Zeit unglaublich
hohen Auflage: 1.000 Exemplare. 47 Seiten der ersten Ausgabe mit
52 Seiten sind dem Tango gewidmet. In den 80er-Jahren stieg die
Auflage auf 100.000 Exemplare mit 170 Seiten an. Am 5. Mai (dem
Tag, an dem die Zeitschrift gegründet wurde) feiert man in
Japan jedes Jahr den Tag des Tangos.
Kanematz hat eine sehr bedeutende Tangosammlung und ein Gedächtnis,
das es ihm ermöglicht, mehr als 300 Tangotexte zu rezitieren;
natürlich ist sein Spanisch tadellos. Er war außerdem
Sekretär von José Luis Borges während dessen
Besuch Japans im Jahre 1980.
In den 80er-Jahren tat sich das Orquesta Típica Corrientes
(Angosta) mit einer Platte hervor, das einer Reihe von 10 LPs
über die Geschichte des Tangos angehört, das im selben
Jahr in Argentinien herausgegeben wurde. Die Liste der musikalischen,
tänzerischen und literarischen Ereignisse, die die Größenordnung
des Tangos in Japan ausmachen, ist lang und wird in diesem Artikel
nicht vollständig abgedeckt. Heutzutage gibt es zahlreiche
Ensembles, die Tango spielen. Während des Festivals von Granada
2002 trat auf eine Einladung hin das Koji Kyotani Cuarteto auf;
sein Leiter Koji Kyotani spielt seit 20 Jahren Bandoneon in ganz
Asien und bildet neue Schüler in Japan aus. (A propos Bandoneon:
1954 gelangten die ersten Bandoneons “AA” (Alfred
Arnold) aus Deutschland nach Japan. Die Experten bevorzugten die
in Ostdeutschland hergestellten Exemplare derselben Marke; die
aber hatten logischerweise keinen Zugang zum japanischen Markt.)
Zum Abschluss möchte ich noch bezüglich des gesungenen
Tangos mit seiner Poesie bemerken, dass es am 23. Juni 1983 im
Theater Asahi-Seimei in Tokio ein Konzert zu Ehren von Carlos
Gardel gab, bei dem der Sänger Ikuo Abo die Tangos auf Spanisch
sang.
Zu den o. g. Büchern kommen 1982 noch drei weitere hinzu:
“Añorando tangos" von Hideaki Naito,
herausgegeben von der Universität Nanzán de Nagoya,
sowie "Cien años de tango" (Band I: 1880-1935
und Band II: 1936-1980) von Minami Takaba.
Die Stimmen
Um der etwas stümperhaften, wenn auch verständlichen
Versuchung zu widerstehen, einen Artikel über Tango zu schreiben
und dabei die Werke anderer Autoren als Grundlage zu benutzen,
ohne deren Namen als Quelle anzugeben, möchte ich an dieser
Stelle gerne das Werk des argentinischen Dichters Luis Alposta
hervorheben, dessen Buch den Großteil der hier erwähnten
Daten lieferte.
In seinem Buch "El Tango en Japón" bezeichnet
Luis Alposta dieses Interesse der Japaner am Tango als auch an
der spanischen Sprache und am Lunfardo, um seine Texte, seine
Literatur und alles, was ihn darstellt, verstehen zu können,
als äußerst bemerkenswert.
Zur bereits oben erwähnten Sängerin Noriko Awaya gesellen
sich weitere Stimmen, die in diesem Land durch ihre spanischen
Versionen in die Geschichte eingingen. Als Ranko Fujisawa im Jahre
1948 „La Cumparsita“ vom Orquesta Típica Tokio
(dem besten Tangoorchester Japans) hörte, beschloss er definitiv,
Tango zu singen. Um ihn gut zu singen, hörte er immer und
immer wieder Azucena Maizani, Ada Falcón, Mercedes Simone,
Libertad Lamarque, Hugo del Carril und natürlich Carlos Gardel.
1948 war auch das Jahr, in dem Argentinien zwei Schiffsladungen
Weizen nach Japan schickte (und auch in andere Länder wie
Spanien und Italien), als Teil des Hilfsprogramms, das die Regierung
Perón für arme und durch den Weltkrieg verarmte Länder
vorsah. Als Dank singt sie Tangos mit dem Orquesta Típica
Tokio für die argentinischen Seeleute. 1953 lud man sie nach
Argentinien ein, sie trat zum erstenmal im Theater Discépolo
in Buenos Aires auf, wo sie „Sur“, „Yira, Yira“
und viele andere Tangos mit Troilo und Grela sang. Lokale Radiostationen
engagierten sie für das folgende Jahr für eine neue
Serie von Auftritten; außerdem machte sie Aufnahmen mit
dem Canal 7 des Fernsehens und trat in mehreren Clubs auf. Sie
liebte den Tango und war nicht auf der Suche nach Gönnern;
sie hatte Argentinien bereits in der Tasche. 1956 und 1964 besuchte
sie Argentinien noch einmal; 1964 zum letzten Mal im Rahmen einer
zehnmonatigen Tournee durch mehrere Länder Südamerikas
mit dem Orquesta Típica Tokio. Sie sang bis 1970 und erschien
1981 nochmals auf einer Bühne in Tokio - begleitet von Horacio
Salgán!
Die Argentinier
" . . . und was den guten Musikern Beethoven und Bach
keineswegs, dem famosen Könner Tartini nur halb geglückt
war, das glückte diesen unbekannten exotischen Tango-Komponisten
vorzüglich: Tausende von Personen entbrannten, sie schmolzen
dahin und gaben den Kampf auf, sie lächelten verklärt
und weinten Tränen, sie stöhnten entzückt und brachen
nach jedem dieser kurzen Unterhaltungsstücke in trunkenen
Beifall aus...“
aus „Virtuosen-Konzert“, einem Artikel von Hermann
Hesse, veröffentlicht in der "Kölnischen Zeitung"
vom 07.06.1928
Als das komplette Orchester von Juan Canaro mit Sängern und
Tänzern 1954 zum erstenmal in Tokio auftrat, wurde es bereits
vor Ankunft im Theater auf der Straße von der Menge mit
Hochrufen empfangen. Tadao Takahashi kündigte es mit folgenden
Worten an: „Hinter dem Vorhang erwartet Sie eine Musik,
auf die ich 25 Jahre lang gewartet habe.“ Das Orchester
gab 20 Konzerte in 18 Städten.
Wir schreiben das Jahr 1957. Der Tango ist bereits ein voller
Erfolg: Es gibt schon mehr als 25 japanische Tango-Orchester,
und der Absatz von Tangomusik und die Anzahl der Radiosendungen
sind beeindruckend.
Musiker von Fresedo und Troilo kommen nach Japan und spielen im
eigenen Kreis oder schließen sich japanischen Orchestern
an.
1961 kommt Francisco Canaro mit seinem Orchester, Sängern
und Tänzern (u. a. Gloria und Eduardo) nach Japan. Sie geben
12 Aufführungen in 9 Städten zum besten.
1964 kommt der Moment des Quinteto Real (Salgán, Díaz,
Francini, Laurenz, De Lío). Zusammen mit dem Programm verteilen
sie ein kurzes Lunfardo-Wörterbuch.
Im kurzen, aber unvergesslichen Buch des argentinischen Journalisten
Jorge Göttling „Tango, melancólico testigo“
erwähnt Salgán, der über die verschiedenen Arten
von Publikum in der Welt kommentiert, dass das japanische Publikum
wahrscheinlich aus den besten Tango-Kennern bestünde; er
zeigt sich überrascht von der Ausdruckslosigkeit des Publikums
während der Darbietung und andererseits von der Dankbarkeit
und Hingabe, mit der es zum Schluss applaudiert – bis zu
10 Minuten, um das Orchester auf die Bühne zurück zu
holen und ihm erneut Beifall zu spenden.
1965 gab es zwei Premieren: das Orchester von Pugliese und das
Quintett A lo Pirincho, geleitet von Mario Canaro und mit Domingo
Federico am Bandoneon.
1966 hatte das Orchester Florindo Sassone seinen ersten Auftritt
in Japan, und das Quinteto Real reiste zum zweitenmal nach Japan.
1967 was das Jahr für die Orchester Armando Pontier und Los
Señores del Tango, das sich aus den Ex- Musikern von Di
Sarli zusammensetzte. Dazu gesellte sich noch die großartige
Stimme von Edmundo Rivero mit dem Quinteto Gloria (José
Libertella am Bandoneon). Rivero war erstaunt, als er auf die
Bühne ging und die Leute weinen sah, bevor er überhaupt
eine Note gesungen hatte. Die japanischen Veranstalter erklärten
ihm, das sei ganz normal angesichts von Künstlern, auf die
man so lange gewartet hätte.
Das Orchester von D’Arienzo spielte in Japan 1968, jedoch
ohne D’Arienzo. Er ließ sich entschuldigen und täuschte
eine Krankheit vor, aber in Wirklichkeit hätte D’Arienzo
niemals einen Schritt in ein Flugzeug gesetzt. (Er erzählte,
Gardel selbst hätte ihm einmal gebeichtet, dass er fürchtete,
in einem Flugzeug zu verunglücken, und damit rechtfertigte
er seine Angst, obwohl der Kaiser Hirohito selbst ihm einen Blankoscheck
schickte, damit er reisen würde.)
1060 reiste Juan Cambareri mit seinem Orchester, und zum drittenmal
auch das Quinteto Real.
1970 war das Jahr für ein Debüt von José Basso
und sein Orchester. Ein exzellentes Orchester mit gutem Rhythmus,
das heutzutage in den Milongas gerne vergessen wird.
1971 trat das Orchester von Héctor Varela auf, und im selben
Jahr die Solisten Alberto Marino (Ex-Sänger von Troilo),
begleitet von zwei Gitarren sowie Graciela Susana.
Seitdem sang Graciela Susana jedes Jahr in Japan; sie trat in
50 japanischen Städten auf und Toshiba überreichte ihr
6 Goldene Schallplatten für ihre hohen Absatzzahlen. Sie
widmete eine ganze LP einem anderen Liebling des japanischen Publikums,
Atahualpa Yupanqui.
1972 kehrte Florindo Sassone mit seinen Jungs zurück; unter
den Tänzern befanden sich Gloria und Eduardo. Auch das Orchester
von D’Arienzo kam noch einmal, auch diesmal ohne ihn, aber
mit dem Sänger Alberto Echagüe (16 Auftritte).
Pontier bereiste Japan nochmals im Jahre 1973, diesmal aber mit
dem Orchester Francini-Pontier.
1974 empfing Japan das Orchester Carlos García, der 64
Auftritte gab. Noch heute (2003) können wir den Maestro Carlos
García das Tango-Orchester von Buenos Aires zusammen mit
Garello dirigieren sehen, und zwar gratis jeden Donnerstagmittag
im Theater Alvear der Avenida Corrientes.
Der Ex-Pianist von D’Arienzo, Fulvio Salamanca, debütierte
mit seinem Orchester in Tokio 1975.
1976 war ein düsteres Jahr für die Politik in Argentinien;
dennoch präsentierte sich Leopoldo Federico mit seinem Orchester
in Japan und gab 60 Konzerte. Im folgenden Jahr kam Francini wieder
mit dem Orquesta de Tango, das aus Musikern des Teatro Colón
bestand.
1978 gab das Orchester José Libertella 63 Konzerte.
1979 hörte man Pugliese wieder in Japan, mit derselben Formation
wie in 1965 und mit dem Sänger Abel Córdoba.
Ein neues Jahrzehnt brach an, und Carlos García besuchte
Japan wieder einmal, um 65 Konzerte darzubieten.
1980 feierte Japan 100-jähriges Jubiläum als zweite
Heimat des Tangos.
Es ist bemerkenswert, dass in vielen der o. g. Auftritte und Tourneen
auch ein argentinisches Folklore-Ballett oder -Sänger mitwirkte.
Es ist auffallend, dass die Japaner den Tangotanz, seine Poesie
und seine Musik gleichermaßen schätzen wie andere Tänze
und Musikstücke der argentinischen Folklore. Sie organisieren
jedes Jahr ein Minifestival mit argentinischer Folklore, nach
dem Vorbild des Festival Nacional de Folclore von Cosquín,
Argentinien, das immer im Januar stattfindet und bei dem sich
Folkloretänze aus ganz Südamerika ein Stelldichein geben.
Es gibt sehr viele Tangos (und auch so manchen Vals), die argentinische
Autoren Japan widmeten (oder die von Japan inspiriert sind) oder
zu Ehren japanischer Persönlichkeiten schrieben, die mit
dem Tango in Verbindung standen.
Alposta zitiert die folgenden Beispiele:
„Tokio“ (Vals): Tadao Takahashi gewidmet.
„A su majestad“ (instrumental) und „Saludo a
Japón“ (gesungen) von Juan Canaro, Premiere 1954.
„Canaro en Japón“ (instrumental), von Osvaldo
Tarantino und Ramón Torreyra, Juan Canaro gewidmet und
1954 uraufgeführt.
„Canaro en Japón“ (gesungen) von Francisco
Canaro, zum erstenmal gespielt in Tokio 1961.
„Mi Japón“ von Juan Polito und Carlos Lázzari,
Premiere in Tokio 1972.
„A Tanguito Hisashi Kida San“ (gesungen) von Manuel
García; es gibt keine Aufnahme.
„Anoné“ von Hugo Baralis, aufgenommen von Baralis
und von Piazzolla und seinem Octeto Buenos Aires.
„Buenos Aires – Tokio“ von Julián Plaza,
aufgenommen von Pugliese, Troilo, Osvaldo Piro usw.
„Lejana Buenos Aires“ von Emilio Balcarce, aufgenommen
von Pugliese.
„La Japanga“ von Pugliese und von ihm selbst aufgenommen.
„Fujiyama“ von Troilo, mit Text von Cátulo
Castillo, ohne Aufnahme.
„A lo Megata“ von Edmundo Rivero, Text von Luis Alposta.
Aufgenommen von Rivero in Begleitung von Leopoldo Federico.
„Canción para Noriko“ von Rosaura Silvestre,
Text von Luis Alposta.
Und ich füge diese hinzu:
„Un tango para Japón“ von Ernesto de la Cruz,
Text von Juan Siciliano, aufgenommen von Héctor Mauré.
„Suiyokai“ von Fernando Tell (Bandoneon-Spieler von
Troilo), herausgegeben von Ediciones MAI.
„Escalas en Japón“ von Jorge Arduh, von Arduh
selbst aufgenommen.
„Edogawa Tango (para vos Edogawa“ von Jorge Arduh,
Text von Hisashi Kida "Tanguito", aufgenommen von Arduh
selbst mit der Stimme von Luis Román.
„El Cometa“ („New Hotel Akao“) von und
aufgenommen von Jorge Arduh.
"Un bandoneón en una noche de Tokio", von Daniel
Binelli, aufgenommen von seinem Quintett.
"Hoy de nuevo amor (Tokio Tango)", von Hishashi Kida
und Donato Racciatti aufgenommen von Donato Racciatti mit seinem
Orchester mit der Stimme von Marlene Otero.
Quellenverzeichnis:
“El Tango en Japón”, von Luis Alposta, Corregidor,
1987.
“Tango, melancólico testigo”, von Jorge Göttling,
Corregidor, 1998.
Interviews mit D'Arienzo im Januar 1974 für die Zeitschrift
“Siete Días”, und im Jahre 1969 für die
Zeitschrift “Aquí Está”.
Daniel Canuti
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