Kabarettistinnen

16,00

Aufzeichnungen von Santiago Solís.

154 Seiten.

Der Tiger legt los mit einem zähen, schweren, lethargischen Akkord, der wie Finsternis klingt. Seine Linke flößt Angst ein. Sie dringt mit der Kraft eines Verfluchten zu den Höhlen ohne Ausgang vor.

Luis Longhi
Weiterlesen...
Kategorien: , Schlüsselwort:

aus dem argentinischen Spanisch von Regina Huber

Der Tiger legt los mit einem zähen, schweren, lethargischen Akkord, der wie Finsternis klingt. Seine Linke flößt Angst ein. Sie dringt mit der Kraft eines Verfluchten zu den Höhlen ohne Ausgang vor. Er sagt mit seinem Bandoneon, was man vorher nicht sagen konnte, was unbekannt oder unübersetzbar war. Er fährt mit dem durch seine ungestüme Heftigkeit bestärkten Versprechen fort, essenzielle Konzepte so zu blockieren und zu verwirren, dass sie Gedanken verändern. Ein Jugendlicher, in einem viel zu großen Anzug als erwachsener Mann verkleidet, hüllt sich in eine Tabakrauchwolke. Der arme Junge würde in diesem Augenblick am liebsten sterben; und jeder Schluchzer, der ihm entkommt, ist wie ein Schuss in seine Brust. Der Tiger schließt die Augen und lässt die Musik verstummen. Um Gottes Willen, er hat aufgehört zu spielen!

Kabarettistinnen spielt in jenem fesselnden Universum des Tango, das fast schon der Vergangenheit angehört und uns vielleicht gerade deswegen so verwirrt, und über das wir alle möglichen frommen Versionen von den eifrigsten Biografen aufgetischt bekommen.

… der Tango fasziniert mich, wenn er von meiner Traurigkeit erzählt und zu mir spricht wie jemand, der alles weiß. Ich liebe ihn, wenn er mich im Winter mit 10.000 Decken umarmt. Wenn ich ihm mein ganzes Elend überreichen kann. Dann lege ich mich hin. Und leide. Wie in jenem Morgengrauen, als das Orchester im Radio ständig wiederholte: „Erika ist nicht mehr da. Erika ist weggelaufen. Erika existiert nicht mehr.“
Santiago Solís stürzt sich in Begleitung des aufgeblasenen Eugenio Rataplán, der ihn wie ein extravaganter Vergil durch dieses silberne Universum von Buenos Aires und des Tango führt, in das zwielichtige Abenteuer, die geliebte Frau zu suchen, die ihm weglief oder entführt wurde oder sich vielleicht in irgendein finsteres oder fröhliches Kabarett verirrte.

Kabarettistinnen ist eine Geschichte über Liebe, Humor und Tango, aber auch eine Reise – wie alle gelungenen Romane. Und wie man weiß, kommen die Menschen, wenn sie einmal ans Ziel gelangt sind, von diesen Reisen nie mehr so zurück, wie sie vorher waren.

Luis Longhi ist Schauspieler, Bandoneonist und Schriftsteller. Als Theaterschauspieler sind seine Interpretationen in Tres mañanas, Las alegres mujeres de Shakespeare, La tempestad, El romance del Romeo y la Julieta, Rey Lear und Pepino el 88 hervorzuheben. Er war Regisseur der Shows Simulando lunas und La batata y el plumero, die auf eigenen Texten beruhten. Seine schauspielerische Karriere umfasst auch eine lange Tätigkeit beim Fernsehen: Tato, la leyenda continúa, Peor es nada, Cosecharás tu siembra, Más allá del horizonte, Con alma de tango, Como pan caliente, Buenos vecinos, Los buscas de siempre, Hospital público usw. Außerdem wirkte er im Kinofilm Luna de Avellaneda von Juan José Campanella mit.

Er schrieb zahlreiche Artikel für die Zeitschrift El tangauta und war Drehbuchautor der Radioprogramme Somos tango und Tiempo real auf Radio Provincia de Buenos Aires.
Mehrere Jahre lang war er Bandoneonist des Quintetts Tangata rea, mit dem er Hunderte von Konzerten in Argentinien, den USA und Europa gab.
Er ist Autor des Fernsehprogramms Sarpando tangos zusammen mit Guillermo Fernández, Gründer der Musikgruppe Demoliendo tangos zusammen mit Federico Mizrahi und sowohl Autor als auch Hauptdarsteller des kurzen Theaterstücks La conferencia del tango.